Keine Auflösung, keine Befreiung

Keine Auflösung, keine Befreiung

Geschrieben am 2 August, 2017 - 10:08

Keine Auflösung, keine Befreiuung

Eine Frau verschwindet. Eine andere begibt sich, viele Jahre später, auf die Suche nach ihr. Einem Archivar gegenüber, der die Dokumente einer unwirklich gebliebenen Zukunft sammelt und verwaltet, gibt sie sich als Schwester aus. Ist es die Schwester, die sie sucht, oder ist es jenes andere Leben der Vergangenheit, das nicht Zukunft werden konnte, weil andere Entwicklungsstränge der Geschichte wirkungsmächtiger blieben? 

Diese Frage bleibt offen. Vage bleibt selbst der Name der Suchenden. Am Ende verschwindet sie, wie sie gekommen ist und hinterlässt nichts außer die Erinnerung an einen Menschen, der Antworten sucht. Was bleibt, ist unbearbeitete deutsche Geschichte. Darin auch die derer,  die sie ändern wollten und tot oder ohne auffindbare Spuren irgendwo verschwunden sind in jener Zeit von gesellschaftlichem Minderheitenaufbruch, sozialer, manchmal schneller Radikalität und dem Auflösen der emanzipatorischen Kraft im Malstrom des Systemerhalts. Es bleibt auch die Geschichte derer, die weiterleben, deren Leben aber ein anderes ist als jenes, in dem die Suche nach ungebrochener Übereinstimmung von Begriff und Handeln nicht relativierbar war, zur konkreten Lebensrealität werden musste, alle Konsequenzen ertrug und den Tod verachtete. Vielleicht sucht die Suchende also doch ihr vorheriges Leben. Jedoch, sie scheint zu jung dazu. Sie kann davon nur gestreift sein. Aber auch das reicht, um von etwas ergriffen zu werden, was ein ganz Anderes ist und einen nie wieder los lässt.

 

Als deutsche Geschichte ist jede Geschichte der siebziger Jahre verbunden mit dem DEUTSCHEN HERBST, verbunden mit STAMMHEIM, mit  MORD oder SELBSTMORD. Die Bezüge zu dieser Zeit ziehen sich wie ein unsichtbarer Faden durch dieses Buch. Schon die heimliche Betrachtung der Suchenden erinnert an Observation und Verfolgung, aber auch an die Faszination des Unbekannten, das immer auch verbunden ist mit der Hoffnung von etwas Freiem, das es noch zu entdecken gilt. Die Zeichnung der Zellen des 7. Stocks in Stammheim. Die Schwester, die gesucht wird, konnte den Bericht von Irmgard Möller über den 18. Oktober 1977 auswendig vortragen.

 

Was davon ist »wahr«? Kann es überhaupt etwas geben, was »wahr« ist. »Wahr« heißt doch nur, dass etwas unverborgen, erkennbar ist. Es definiert nicht von sich aus den Unterschied zwischen »falsch« und »richtig«. Der Wahrheit am nächsten kommt manchmal das, was sie nicht definieren will  – wie in diesem Kontext der Stammheim-Zyklus von Gerhard Richter. Sein Blick auf die Gefangenen in Stammheim wie durch einen Schleier hindurch enthält die Weigerung einer Verurteilung und lässt als Frage offen, ob es am Betrachter liegt oder am Objekt, wenn heute noch so vieles undeutlich ist. 

 

Fatal an der Frage MORD oder SELBSTMORD im linken Kontext ist ein dahinter stehendes Missverständnis. Das Mordpostulat wird zum Ausweis radikallinker und revolutionärer Identität erhoben. Aber linke, gar revolutionäre Identität bestätigt sich nicht darin,  dass man dem Staat alles zutraut; das ist nur Getöse und billig herzustellende Solidaritätsgrundlage. Revolutionäre Identität bestünde in dem Versuch, die ohnmächtige Verstrickung des Menschen in die gesellschaftlichen Verhältnisse aufzuheben und zu einem kollektiven Handeln zu finden, das seine kapitalistische Vergesellschaftung bricht. Aber wo ist das heute?

 

Angesichts der Folter in Abu Ghraib, der Hölle in Guantanamo oder dem tausendfachen Morden durch Drohnenkrieger wird die Frage, ob der Staat, der sich gleichzeitig als demokratisch und rechtstaatlich definiert, zu Mord und Vernichtung bereit ist, überflüssig. Das galt auch schon bei den Verbrechen des Vietnamkrieges. Heute hat das Kapital den 24-Stunden-Tag erobert. In der permanenten Beschleunigung der Verwertung ist längst auch alles Bürgerliche als ideologisches Hindernis abgeworfen worden. Der Staat dieses Systems ist entsprechend flexibel und beherrscht schon längst die Fähigkeit, Unterschiedliches und Gegensätzliches zusammenzuhalten: Das Betreiben von Inseln des Ausnahmezustands für Systemfeinde und das parallele Organisieren von Normalzonen für Systemintegrierte. Für den Staat ist kein Individuum systemrelevant. Diese Feststellung bildet aber keine Identität. Sie grundiert nur die Desillusion, die uns normal sein muss, denn im entscheidenden Fall werden die, die ihr Leben auf Ausbeutung von anderen und auf der Hierarchisierung von Lebensrechten begründet haben, vor nichts zurückschrecken. In der Regel verfügen sie über den Staat und die Gewalt. Die Masse, selbst wenn sie nicht individualisiert und zersplittert ist, verfügt erst einmal über nichts, nur über eine grandiose Leidensfähigkeit.

 

Den Deutschen war 1945 von außen aufgezwungen, nicht mehr faschistisch und wenigstens formal demokratisch zu sein. Diese »Kröte« – aus ihrer Sicht – mussten sie schlucken und die meisten wollten es auch, nachdem alles um sie herum in Scherben und in ihren genozidalen Verbrechen versunken war. Ihre neue (West-)Gesellschaft war entsprechend autoritär, dumpf und geistig leer, nur vollgestopft mit Konsum und Verdrängungshandlungen. In diesem Kontext ist 32 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkrieges die Weigerung der bundesdeutschen Regierung, im Herbst 1977 eine politische Lösung zu finden für einen aus der Vorgeschichte erwartbaren gesellschaftlichen Grundsatzkonflikt vor allem eines: ein Durchhaltebekenntnis zum geschenkten Staat, zum restaurierten Kapitalismus und der darin wiedergewonnenen Macht. Die fast durchgängig aus der altnazistischen Mehrheitsgesellschaft kommende bundesrepublikanische Machtelite hat sich unter Führung von Helmut Schmidt und seinem obersten Einsatzgruppenleiter Horst Herold zum Durchhaltekampf entschieden und alle darauf eingeschworen. Die gemeinsam getragene staatliche Opferung von Hanns-Martin Schleyer hat diesen Durchhaltekampf bekräftigt, der parallel auch das Leben von 90 Flugzeugpassagieren riskierte. Ein Staatsräsonritual, das vom Mitmachen im geschenkten System der Notwendigkeit folgte, sich innerlich selber mit dem System zu identifizieren, also auch dafür zu haften. Insoweit war der Herbst 1977 ein wesentlicher Teil der Neugründung der BRD: In der von außen erzwungenen formalen Demokratie,  ohne sozial und politisch irgendetwas außer Opportunismus und Integration in die Kalte-Kriegs-Logik des Westens beisteuern zu müssen, nur wirtschaftliche Effizienz und Organisierung, war das Durchhalten und neue Opfereinschwören für den Staat, das auch die eigene Klasse einschloss, seine Machtübernahme in letzter Instanz durch deren Elite. Ihr folgte, was schleichend schon weit früher begann: die Selbstintegration eines Großteils der aus 1968 kommenden systemoppositionellen Jugend mit politischen Konzepten der scheinbaren inneren Fundamentalopposition, die dann alsbald zerfielen. Aufgrund der militarisierten inneren Auseinandersetzung war ihnen der Traum von der Revolution zerronnen. Im Opfern von Hanns-Martin Schleyer raffte sich die herrschende Elite im Unterschied zu ihrer feigen Haltung gegenüber ihrer Beteiligung an den Verbrechen im Nationalsozialismus erstmals zu dem Bekenntnis auf, dass sie für ihre Stellung im System auch Konsequenzen akzeptieren und den Kopf hinhalten muss. Im besiegten Nazi-Staat hatte sie nichts mehr zu gewinnen; hier dagegen besaß sie wieder alles. Die der Bevölkerung auferlegte Opferungspflicht in Gestalt des Risikos von 90 Toten Flugzeugpassagieren war damit auch legitimiert worden.

 

Im Herbst 1977 ging es von Seiten des Staates nicht nur um die Weigerung, Schleyer auszutauschen. Es ging um das generelle Verweigern jeder politischen Konzession an das nichtkäufliche Andere, das in der RAF verkörpert war. Daran hatte man schon Holger Meins 1974 im kollektiven Hungerstreik gegen eine Isolationshaft, die Identität vernichten sollte, sterben lassen. Daran scheiterte auch der Versuch der Stammheimer Gefangenen im Oktober 1977, über die Beendigung des bewaffneten Kampfes zu verhandeln. Niemand in irgendeiner relevanten Position von staatlicher Seite wollte 1977 eine Lösung außerhalb eines militärischen Denkens. Das war die Mentalität des Krieges. Das kam nicht ursprünglich von der RAF. Das war immanenter Zwang eines Systems, dessen Elite ihre eigenen Verbrechen tabuisieren musste, aufgrund derer sie nie wieder in irgendeine gesellschaftliche Machtposition hätte kommen dürfen. Für sie ging es um alles. Die Mentalität des Krieges, damals zur Staatsräson erklärt, galt dann für die ganze fortlaufende Zeit, und an ihr scheiterten auch die Gefangenen 1989 mit ihrem hungerstreikbasierten Versuch, politisch im letzten Augenblick einen Ausweg zu finden. 

 

Zur RAF, damit zu unserer bitteren Seite, gehört, dass der revolutionäre Krieg sich entgrenzte. Die Tendenz dahin war schon in einer militaristischen Handhabung der Stockholmer Botschaftsbesetzung enthalten und setzte sich 1977 in einer bewaffneten Eskalationsbereitschaft fort, deren politische Bündnistrategien man vergeblich sucht.  Ihren Höhepunkt fand sie in der Flugzeugentführung einer Urlaubermaschine, die Palästinenser  in Absprache und mit dem Einverständnis der RAF durchführten. Das ursprüngliche Postulat der RAF, nur für die revolutionäre Sache zu handeln und in ihren grundlegenden Handlungen jenseits eines immer zu beschränkenden Militärischen Gegengesellschaftlichkeit zu konstruieren, war mit dieser Flugzeugentführung preisgegeben, ja geradezu verraten worden. Aus dem Postulat des Gegengesellschaftlichen, das sich in der Praxis erst noch beweisen musste, konnte sie allein Legitimation beziehen. Dies preis zu geben, entwertete ihre Interessen und Absichten  als »privat«, also als politisch unbedeutend für andere. 

 

Damit hatte sich der ganze Aufbruch gegen sich selbst gerichtet. Ein Weitermachen wie bisher konnte es danach nicht geben. Mit der »Offensive 1977« hatte die RAF sich von allem, auch von den letzten Verbindungen zu 1968, getrennt und war auf ihre eigene soziale Minimalwelt reduziert, die Gegengesellschaftlichkeit nie wieder beanspruchen konnte. Die RAF musste nicht mehr durch offenen Mord an ihren Gründern geschlagen werden. Ihre Niederlage hat sie selber geschaffen. Die Gefangenen in Stammheim haben mit ihrem Tod sich allem entzogen: einer Neubestimmung nach dieser Niederlage, aus der nichts Altes fortzusetzen war;  einem Durchhalten, zu dem wir danach verpflichtet waren ihnen und uns gegenüber; einer Rückkehr, nach der sie nicht mehr hätten das leben können, was sie sich erkämpft hatten. Den Egoismus darin kann man ihnen nachsehen. In der Art ihres Todes haben sie weiter die Weigerung dargelegt, zum Ende des Kampfes aufzurufen. Wer will das Ende aller Hoffnung – für lange Zeit jedenfalls  –verkünden?

 

Sie sind gegangen, so wie die Frau aus dem Buch verschwindet, die auftaucht und ihre Schwester – oder sich -  sucht und geht und keine Aufklärung und keine Entscheidung hinterlässt.  Die fehlende Auflösung ist die fehlende Befreiung. Sie bleibt lockende Erinnerung, aber sie ist nicht mehr zu erreichen.  Ähnlich wie die Befreiung im Gefängnis. Deswegen kann man auch gehen. Es bleibt davon aber nicht das Auswendiglernen der RAF-Texte, eine innere Versteifung, es bleibt von ihr der Mensch, der etwas Grundsätzliches für sich bei anderen erkannt hat und das irgendwie fixieren wollte. Von der RAF bleibt auch nicht der Militarismus oder die scheinkollektive Komponente ihrer Mitglieder, die das Sagen 1977 übernommen hatten und primär erst einmal weiter nur aus ihrer militärischen Fähigkeit handelten. Es bleibt ein Aufbruch, der nichts weniger wollte als ein Leben für alle, in dem das Subjekt nicht mehr gebrochen ist. Dieses Verlangen musste gegenüber einer gesellschaftlichen Realität, die auf der Zurichtung des Subjekts für die Kapitalprozesse basiert, vor dem Hintergrund einer weltweiten Aufbruchsstimmung – und besonders vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte  – bis zum Ende gehen. Es gab nur den Sieg oder den Tod. Der Sieg war aus der Sicht des Nachhineins nicht möglich. Denn den Akteuren blieb nur die Ahnung und die »Gewissheit« des Anderen, nicht das materielle Verfügen über das, was eine gegengesellschaftliche Basis ist, auf der alleine ein gesellschaftliches Bündnis möglich gewesen wäre, um alles zu ändern. Das macht aber das Verlangen nicht falsch. Die Sehnsucht nach einer Einheit zwischen dem Ich und, als Kollektiv, dem Wir und der Welt ist als – vielleicht romantische, jedoch wirkungsmächtige –Triebkraft der Revolte immer da. Es macht dieses Verlangen nur aussichtslos für die Gegenwart. Schrecklicher als alle Fehler wäre es aber, das grundsätzliche Ausbrechen aus dem kapitalistischen Zwangsgehäuse nicht versucht zu haben. Der Aufbruch war zu Ende. Als Personifizierung der RAF mussten die Gefangenen in Stammheim vielleicht sterben. Ihre Selbstwahl ist für mich die letzte Legitimation der RAF, an der alle Kritik an der Politik der Gruppe in der letzten Instanz versagt, denn sie verteidigt die Haltung »Revolution oder Tod«, die in jeder wirklichen geschichtlichen Umbruchphase auftauchen wird. Irmgard Möller ist Teil dieser Legitimation. Das sollte man nicht vergessen. 

 

Die Verschwundenen hinterlassen immer eine Trauer. Sie sind weg. Wohin auch immer. Man selber ist geblieben. Das ist immer auch ein Verlust. Trauer ist aber kein Mitleid. Sie haben für sich selbst gehandelt.

Freiheit für Irmgard Möller. 

 

Barbati, Juli 2014

Karl-Heinz Dellwo

 

Quelle: Karsten Hein, Das vierte Album, Fotoroman, Verlag Bibliothek der Provinz, ISBN: 978-3-99028-346-2  

20 x 28 cm, 236 S., überw. Ill., Hardcover € 28,00

 

 

 

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